Die Frage klingt simpel: Was war heute mein größter Erfolg?
Die Antwort fällt bei vielen Menschen – leider – genauso simpel aus: Es gab keinen.

Wer NLP anwendet und lebt wird sicherlich darauf entgegnen können:  Doch, den gab es - auch wenn es nur ein kleiner oder ein Teilerfolg war. Und genau darauf läuft es hinaus. Bei vielen Menschen herrscht ein immenser Mangel an Selbstreflexion mit dem Ergebnis, dass sich nur die wenigsten ihrer täglichen Erfolge überhaupt bewusst werden. Doch wenn ich mir meine Erfolge nicht bewusst machen kann, werde ich nur mit Schwierigkeiten Zugang zu meinen Fähigkeiten und Ressourcen finden. Wenn ich weiß, was gut gelaufen ist, kann ich im Sinne der Exzellenz daran arbeiten, mich zu verbessern. Ohne Selbstreflexion werde ich jedoch meine Stärken und Schwächen kaum realistisch bewerten, Veränderungen initiieren und Exzellenz erreichen können. Stattdessen wird sich das Hamsterrad immer weiter drehen.

< Jeden Tag ein Erfolgserlebnis >

Bart Conner* ist mehrfacher Olympiasieger und Goldmedaillengewinner. 1983 zog er sich bei einem Kunstturnier eine schwere Verletzung des linken Bizepses zu. Das war neun Monate vor den Olympischen Spielen in Los Angeles 1984. Für fast jeden Sportler hätte dies wohl das sichere Aus für die Spiele bedeutet. Conner unterzog sich einer Operation und einer sehr intensiven Therapie, um rechtzeitig für die olympischen Spiele wieder fit zu werden. Schließlich schaffte er das, was viele für unmöglich hielten: er qualifizierte sich für die Spiele. Doch nicht nur das: Er nahm insgesamt an acht Wettkämpfen in seiner Disziplin Geräteturnen teil. Mit der US-Mannschaft gewann Bart Conner Gold sowie Gold als Einzelathlet am Barren. Die Sportwelt und das Publikum fragten sich, wie er das schaffen konnte. Conner dankte in einem Interview seinen Eltern dafür. Dem verblüfften Moderator erklärte der Athlet, dass seine Eltern ihn, als er noch ein kleiner Junge war, jeden Abend vor dem Einschlafen fragten, was heute sein größter Erfolg gewesen war. So schlief der junge Bart Conner jeden Abend mit dem Bewusstsein ein, etwas erreicht zu haben – Erfolg gehabt zu haben. Und mit dem Gefühl, mit dem er abends einschlief, erwachte er auch am Morgen und hatte die Gewissheit, auch an diesem Tag wieder mindestens ein Erfolgserlebnis erleben zu werden. So hat Conner auch nach seiner schweren Verletzung gewusst, dass er es zu den Olympischen Spielen schaffen werde und sogar gewinnen könnte.**

Die Tür zum ICH< Schlüssel zum Erfolg >

Wer jetzt einwendet, dass ein solches Verhalten, jeden Tag Erfolg haben zu müssen, doch nur unnötig Druck aufbauen würde, hat noch nicht verstanden, worum es dabei eigentlich genau geht. Es ging weder dem Olympiasieger Conner noch dessen Eltern darum, zwanghaft erfolgreich zu sein. Es ging ihnen vielmehr darum, über den Tag nachzudenken und einen Erfolg zu entdecken. Niemand hat dem jungen Conner oder seinen Eltern gesagt, was Erfolg ist. Erfolg muss jeder für sich selbst definieren. So kann es auch schon Erfolg sein, den Tag gelebt zu haben – in einer von Kriegen, Hunger, Seuchen und Krankheiten geplagten Zeit ist dies in vielen Regionen der Welt ein nicht unwesentlicher Erfolg! Dabei geht es nicht um eines dieser unsäglichen „Tschaka-Du-schaffst-alles-was-Du-willst“ Mantras. Eine positive Sicht auf das eigene Leben ist nicht nur ein wesentlicher Schlüssel zu Glück und Zufriedenheit sondern auch zum Erfolg selbst – im Berufs- wie auch im Privatleben. Wie oft bringen wir Menschen noch am Abend Energie auf, um uns über das zu ärgern, was am Tag alles schief gelaufen ist, was man verbockt oder einfach mal wieder nicht geschafft hat. Schon in der Schule war das so: Statt sich über die 2 in Deutsch zu freuen (Erfolg) wurden wir für die 4 in Mathe (Misserfolg) getadelt. Der US-amerikanische Soziologe Robert K. Menton brachte es 1968 in einer einfachen Formel zum Ausdruck, das als Prinzip der positiven Rückkopplung bekannt geworden ist: success breeds succes – Erfolg gebiert Erfolg. Der US-Milliardär und Großinvestor Warren Buffet formulierte es so: „Man sollte vor allem in sich selbst investieren. Das ist die einzige Investition, die sich tausendfach auszahlt.“

< Übertragung auf den Alltag >

Zwar bezog sich Mentons These auf die Zitierhäufigkeit von Wissenschaftlern in der Literatur, aber das Prinzip lässt sich auch auf den Alltag übertragen: Mehr Selbstreflexion praktizieren. Wir beobachten dieses Phänomen immer wieder: Bereits am ersten Tag der NLP-Practitioner-Ausbildung beginnen viele Veränderungsprozesse bei den Teilnehmern, denen meistens eine (erstmalige) intensive Selbstreflexion über die eigene Kommunikations- und Verhaltensweisen vorhergeht. Das Prinzip der Selbstreflexion lässt sich hervorragend auf alle Bereiche des Lebens übertragen: Job, Teams, Meetings, Partnerschaft etc. Erreichtes sollte gefeiert und Erfolgsgeschichten geteilt werden. Gemeinsame Siege sollte man gemeinsam zelebrieren, egal ob große oder kleine. Das heißt natürlich nicht, eine rosarote Brille aufzusetzen und sich von nun an alles schön zu reden, Pleiten, Pech und Pannen einfach auszublenden und so zu tun als wäre nichts gewesen. Auch Fehler, Missverständnisse und Misserfolge wollen reflektiert werden, denn aus den Fehlern der Vergangenheit kann man viel für die Gegenwart und Zukunft lernen. Auch Selbstreflexion kann man lernen, in dem man sich jeden Abend ein paar Minuten Zeit nimmt und über die folgenden Fragen kurz nachdenkt:

  • Bin ich heute meinen Zielen ein Stück näher gekommen?
  • An welchen schlechten Angewohnheiten muss ich arbeiten, die ich heute gezeigt habe?
  • Was hat mich heute motiviert?
  • War ich heute die Person, die ich sein möchte?
  • Welche Fehler habe ich heute gemacht und was kann ich aus diesen lernen?
  • Wofür bin ich heute dankbar?

Oder kurz: Was war heute mein größter Erfolg? Wer führt wohl das erfolgreichere Leben? Der, der jeden Tag einen Erfolg in seinem Leben erkennt, oder der, der nur Erfahrungen sammelt?

*    https://de.wikipedia.org/wiki/Bart_Conner
**  https://www.jongordon.com/blog/celebrate-success-3/

 

(Foto: Door to new world ©malva - Fotolia.com)

Autor: Jens Kutschick