Durch die Augenmuster oder Augenzugangshinweise eines Menschen kann ein aufmerksamer Beobachter erkennen, auf welcher Wahrnehmungsebene und in welchem Repräsentationssystem sich ein Mensch gerade gedanklich (intern) mit einer Sache beschäftigt. Das heißt, beim Nachdenken über Fragen oder Probleme bewegen sich die Augen eines Menschen mehr oder weniger deutlich in verschiedene Richtungen. Ein guter Beobachter wird wahrnehmen, dass sich die Augen seines Gegenübers in verschiedenen Ebenen des Gesichtsfeldes bewegen – abhängig davon, ob er sich gerade mit Bildern, Geräuschen oder Gefühlen beschäftigt.

Augenmuster

Bereits 1964 beschrieb Merle E. Day, dass Augenbewegungsmuster die Repräsentationssysteme eines Menschen anzeigen können und man diese Muster als Indikator für Diagnosen verwenden könnte („An eye movement phenomenon related to attention, thought and anxiety“, 1964).

Er entdeckte, dass beim Blick des Gegenübers nach oben vor allem Bilder (visuell); bei einer Blickrichtung auf der waagerechten Ebene des Gesichtsfeldes Geräusche (auditiv); bei einem Blick nach unten rechts Gefühle bzw. nach unten links ein innerer Dialog angezeigt wird (immer aus Blickrichtung desjenigen, der gerade seine Augen bewegt). Es lassen sich noch weitere Unterscheidungen identifizieren:

Bei einer Blickrichtung nach oben bzw. in der Waagerechten auf der linken Seite werden visuelle bzw. auditive Erinnerungen erzeugt. Augenbewegungen auf der rechten Seite erzeugen dagegen konstruierte Bilder (oben rechts) bzw. konstruierte Geräusche (waagerecht rechts). Diese Muster treffen allerdings nicht auf alle Menschen zu. Sie treten am häufigsten bei normal organisierten Rechtshändern auf – bei Linkshändern können die Augenmuster seitenverkehrt auftreten.

Keine leichte Sache
Das Erkennen von Augenmustern bzw. Augenzugangshinweisen ist keine leichte Sache. Sie bedarf einiger Übung, eine gute Auffassungsgabe und Konzentration. In einer NLP-Practitioner Ausbildung lernen die Teilnehmer Augenzugangshinweise zu erkennen, zu deuten und zu hinterfragen. In Partnerübungen unterschiedlicher Konstellationen lernt man während der NLP-Ausbildung, sich auf sein Gegenüber einzustellen (kalibrieren) und neben den bevorzugten auch seine anderen Wahrnehmungskanäle zu nutzen.

Obwohl die Augenmuster bei der Mehrheit normal organisierter Rechtshänder auftreten, kann man nicht davon ausgehen, sie überall und bei jedem vorzufinden. Bereits bei der Entstehung des NLP haben deren Begründer Richard Bandler und John Grinder darauf hingewiesen, bei jedem Gesprächspartner die Augenmuster individuell zu erarbeiten, in dem bei einem möglicherweise erkannten Augenmuster der Gesprächspartner gefragt wird, was er gerade intern gemacht hat.

Nur selten erfolgt auf eine sensorisch orientierte Frage eine eindeutige Wanderung der Augen nach oben links. Viel wahrscheinlicher ist, dass eine Frage ein ganzes Bewegungsmuster der Augen auslöst, also eine ganze Abfolge verschiedener Augenpositionen. Hier lohnt sich ein Nachfragen, was da gerade intern abgelaufen ist. Beispielsweise könnte die Antwort nach den internen Abläufen auf die Frage „Welche Augenfarbe hat deine Mutter“ folgendermaßen lauten: „Zunächst habe ich mir die Frage innerlich noch einmal gestellt und festgestellt, dass sie sich für mich schwierig anhört. Dann habe ich mir das Gesicht meiner Mutter vorgestellt und hatte das Gefühl, dass braun die richtige Antwort ist.“ Diese hier beispielhafte Beschreibung verrät sehr viel über die befragte Person. Zunächst macht sich die Person die erfragte Erfahrung über einen auditiven Dialog zugänglich (Blick nach links unten), dann wird sie visuell repräsentiert (Blick nach rechts oben) und das Ergebnis gefühlsmäßig überprüft (Blick nach rechts unten).

Die Strategie des Gefragten umfasst im Wesentlichen drei Elemente, die ein guter Beobachter im weiteren Gesprächsverlauf überprüfen kann, um damit zu arbeiten:

1) Das erste Element gibt Auskunft darüber, wie der Gesprächspartner intern Informationen abruft (Leitsystem)

2) das zweite Element gibt Auskunft über den bewussten Anteil der abgerufenen Erfahrung, mit dem die gestellte Frage beantwortet werden soll (Repräsentationssystem) und

3) das dritte Element verrät, wie der Gesprächspartner die Wahrheit der abgerufenen Erfahrung prüft, in diesem Fall gefühlsmäßig (Referenzsystem).

Kritik
In beinahe regelmäßigen Abständen wird von Kritikern behauptet, dass man im NLP beigebracht bekommt, anhand der Augenzugangshinweise Lügen erkennen zu können. Auch in Kriminalfilmen wurde schon aufgegfriffen, dass angeblich mit Blick nach rechts oben jemand "lügt" und mit Blick nach links oben "die Wahrheit sagt".

Richtigstellung
NLP behauptet nicht und hat
es auch noch nie, dass: "ein Mensch" lügt, "der nach rechts oben blickt,
während eine Person mit Blick nach links oben die Wahrheit spricht".

Augenzugangshinweise im NLP

Augenzugangshinweise


Die Augenzugangshinweise sind keine Lügendetektoren, sondern geben Aufschluss darüber, in welchem Repräsentationssystem (sehen, hören, fühlen) jemand seine Informationen abruft und innerlich wieder
zugänglich macht, also repräsentiert und ob diese Informationen konstruiert oder erinnert sind.

Manchmal konstruieren Menschen jedoch z.B. erst einmal Bilder, um eine Frage zu verstehen. Vereinfacht
ausgedrückt, braucht man bei jedem Menschen in jedem Moment erneut Referenzwerte, um zu erahnen, ob jemand lügt oder die Wahrheit sagt. Diese Aussage unterstützt auch Paul Ekman in seinen Untersuchungen.


Im NLP ging es nie darum, die Augenzugangshinweise (AZH) als Lügendetektor zu benutzen. Die AZH werden in vielfältiger anderer Weise genutzt, z.B. beim Aufbau von Rapport, beim Ankern, bei der Arbeit mit Submodalitäten, beim Modeling, beim "Verstehen" meines Gegenübers...

Seriöse Anbieter von NLP-Ausbildungen weisen ihre Teilnehmer explizit daraufhin, dass Augenmuster nur eine mögliche Form der Wahrnehmung von Repräsentationssystemen von Menschen sind. Dass man an Augenmustern Lügen erkennen könnte ist ein Mythos, der sich hartnäckig hält und kaum aus der Welt zu bringen ist, obwohl sich seriöse NLP-Anbieter, Trainer, Coaches, Practitioner sowie die nationalen und internationalen Fachverbände des NLP von solchen Behauptungen strikt distanzieren. Schon allein die Tatsache, dass jeder Mensch ein anderes Leit-, Repräsentations- und Referenzsystem präferiert, macht die Verallgemeinerung obsolet. Trotzdem spielen auch immer wieder Fernsehserien gern mit diesem Klischee - vor allem Kriminal- und Ermittlerserien.

Augenzugangshinweise können allenfalls Inkongruenzen andeuten, die durch genaues Nach- und Hinterfragen offen gelegt und ausgeräumt werden können. Dadurch erhält man meist wichtige Hinweise, die den Betroffenen oft selbst nicht bewusst sind und gemeinsam überprüft werden können.

Daher kann man es vielleicht wie Michael Holm halten, der singt: „Tränen lügen nicht“ – oder vielleicht doch?

 

(Foto: funny face ©lev dolgachov - Fotolia.com; Augenzugangshinweise©Romina Schell - diedenkweisen.de)